Bericht 2016 Gruppe
Junge Kunst

Wie bereits in den vorherigen Jahren spielte auch im Berichtsjahr das Thema «Performance» eine wichtige Rolle bei den Ankäufen der Gruppe Junge Kunst:
Von der spanischen Künstlerin Dora Garcia (1965), die durch Teilnahmen an wichtigen internationalen Gruppenausstellungen wie der documenta 13, 2012, oder der Venedig-Biennale, 2011/2013, auf sich aufmerksam gemacht hatte, konnte die Arbeit «Real Artists don‘t have Teeth», 2010 – 2011, erworben werden. Das Werk besteht aus einem von Dora Garcia verfassten Monolog, der jeweils von einem Schauspieler zur Aufführung gebracht werden kann. In dem Text geht es um die Rolle des Künstlers, seine Beziehung zum Publikum, um Zensur sowie die Bedeutung von Mainstream und des Randdaseins. Nicht ohne Ironie fordert Dora Garcia, dass Künstler eigentlich immer am Rand bleiben sollten, weil sie sonst von den «Wölfen» des Mainstreams geschluckt würden. Die Künstlerin beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Gegenkultur, Widerstand und dem Abweichen von Normen. Mit der Performance «Real Artists don‘t have Teeth» führt sie diese Überlegungen weiter. Die libysch-italienische Künstlerin Adelita Husni-Bey (1985), von der die Gruppe Junge Kunst vor einigen Jahren bereits eine Performance angekauft hatte, untersucht in der Videoinstallation «The White Paper,The Land», 2014, die Bedingungen und Spannungen, die entstehen, wenn grossangelegte urbanistische Gentrifizierungsprojekte in Konflikt gerate mit den Ansprüchen und Rechten bestehender Einwohner. Im Zentrum der Arbeit steht das Projekt «Cairo 2050», ein von privaten Sponsoren finanziertes und vom Staat getragenes megalomanes Städtebauprojekt. In einem Workshop, den die Künstlerin mit Vertretern der verschiedenen Communities in Kairo organisierte, die von dem grossangelegten Urbanistikplan betroffen sind, diskutieren die Teilnehmer ihre Wünsche und Ideen. Den Film realisierte die Künstlerin mit der Filmemacherin Salma El Tarzi und der Aktivistin Nazly Hussein. Das Video ist Teil einer raumfassenden Installation aus Holz, die in ihrer rohen Einfachheit an die temporären Bauten der ärmeren Einwohner Kairos erinnert.

«Künstler sollten
immer am Rand
bleiben ...

Die Schweizer Künstlerin Alexandra Navratil (*1978) beschäftigt sich ebenfalls mit sozialpolitischen Fragestellungen – meist verbunden mit einer Reflexion der Geschichte von Fotografie und Film. Ihren Werken gehen lange Rechercheearbeiten voraus, wie auch bei der erworbenen Arbeit «Bitterfeld», 2016. Diese ist Teil einer Werkgruppe, die die Künstlerin rund um die inzwischen geschlossenen AGFA-Werke im ehemals ostdeutschen Bitterfeld-Wolfen realisiert hat. Was aussieht wie ein klassisches Bronzerelief, ist in Wirklichkeit ein Abdruck von Blättern, Steinen, Beeren, Nüssen und Blumen, die Navratil rund um den sogenannten «Silbersee» auf dem ehemaligen Gelände der Fabrik gesammelt hat. In diesen «Silbersee» wurden jahrzehntelang giftigste Chemikalien abgeleitet; er war einer der meist verschmutzten Seen Deutschlands Ende des 20. Jahrhunderts. Den Abdruck dieser toxischen Landschaft bemalte die Künstlerin zum Schluss mit einem lichtempfindlichen Lack, so dass sich das Relief aus Polyester und Aluminium in eine Art dreidimensionale Fotografie verwandelt.

...weil sie sonst von den
Wölfen des Mainstreams
geschluckt würden!»

Um ein Spiel mit kunsthistorischen Referenzen und eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Malerei geht es im Werk des Schweizer Künstlers Nicolas Party (*1980). Von ihm konnte ein sehr schönes Stillleben erworben werden. Zusätzlich schenkte der Künstler dem Kunsthaus eine Wandarbeit, die die Malerei in den Raum ausdehnt und so das Bild auf interessante Weise ergänzt.

Mirjam Varadinis