Bericht 2019 Gruppe
Junge Kunst

Die Gruppe Junge Kunst hat im vergangenen Jahr ausschliesslich Werke von Künstlerinnen erworben – ein klares Statement in Zeiten, in denen der Frauenanteil in Museumssammlungen heftig diskutiert wird.

«Es sind drei substantielle Ankäufe von drei ganz unterschiedlichen Frauen, die im Berichtsjahr zusammengekommen sind.»

Von Raphaela Vogel wurde die Videoinstallation «Hotel Mama» (2015) gekauft. Die 1988 in Nürnberg geborene Künstlerin hat bis 2014 an der Städelschule in Frankfurt bei Peter Fischli studiert. Vor zwei Jahren zeigte die Kunsthalle Basel eine grosse Einzelausstellung von Raphaela Vogel, wo die Künstlerin mit aufsehenerregenden Skulpturen und raumfassenden Installationen auf sich aufmerksam machte. Raphaela Vogels Arbeit siedelt sich im Spannungsfeld zwischen Skulptur, Videoinstallation und Performance an. Sie zeichnet sich durch eine intensive Untersuchung der Beziehung des Körpers – insbesondere des weiblichen – zum Raum aus. Videos, die in ihren Arbeiten eine zentrale Rolle spielen und in denen die Künstlerin meist selber auftritt, zeichnen sich durch eine eigentümliche Kameraführung aus. Zur Zeit ihres Kunststudiums warf oder schwang Raphaela Vogel die Kamera während der Aufnahme umher, und so entstanden rhythmische Sequenzen, die etwas Schwindelerregendes haben. Auch heute sucht sie ungewöhnliche Blickwinkel und arbeitet oft mit Drohnen. Die Ergebnisse der nur bedingt kontrollierbaren Kameraaufzeichnungen werden ihrerseits von mitunter wenig stabil wirkenden Displays auf Wände oder Stoffe projiziert – wie beispielsweise bei der fürs Kunsthaus Zürich erworbenen Arbeit «Hotel Mama» (2015), wo der Beamer auf einem kopfüber von der Decke hängenden Hotelwagen montiert ist.

«Das zeigt ihr Rückgriff auf die Kunstgeschichte, der ihr als Malerin dazu dient, den männlich dominierten Kanon der Kunstgeschichte in Frage zu stellen.»

Ebenfalls in verschiedenen Medien arbeitet Jutta Koether (geb. 1958). Sie gehört anagrafisch zwar nicht mehr zu den jungen Künstlerinnen, hat aber mit ihrer künstlerischen Praxis die junge Künstlergeneration stark geprägt. Jutta Koether verbindet Malerei, Musik, Poesie und Performance, und ihr Werk ist wie das von Raphaela Vogel stark feministisch geprägt. Das zeigt ihr Rückgriff auf die Kunstgeschichte, der ihr als Malerin dazu dient, den männlich dominierten Kanon der Kunstgeschichte in Frage zu stellen. Auch die Verwendung der Farbe Rot als Symbol- und Signalfarbe zielt in dieselbe Richtung. Je nach Kontext steht die Farbe für Schmerz, Scham, Hysterie, Intensität, Aggression, Provokation, Schminke, Begehren oder Weiblichkeit. In der grossformatigen Malerei «Tour de Madame 15» (2018), die letztes Jahr erworben wurde, nimmt die Farbe ebenfalls eine prominente Position ein. Das Bild ist Teil eines mehrteiligen Werkzyklus, der ursprünglich in Auseinandersetzung mit Cy Twomblys Lepanto-Serie im Museum Brandhorst, München, entstand. Im Kunsthaus Zürich tritt das Werk nun in einen interessanten Dialog mit den wichtigen Cy-Twombly-Beständen der Sammlung und ergänzt zudem eine bereits 2014 von der Künstlerin erworbene kleinformatige Malerei.

«Wie schon in früheren Jahren war es für die Gruppe Junge Kunst auch 2019 wichtig, den Fokus der Ankäufe auf das aussereuropäische Kunstschaffen auszudehnen.»

Daher freuen wir uns sehr, dass wir die Arbeit «Lawn» (2017/19) der südafrikanischen Künstlerin Lungiswa Gqunta (geb. 1990) erwerben konnten. «Lawn» heisst Rasen, doch im Unterschied zu den gepflegten Rasenflächen der immer noch mehrheitlich weissen Oberschicht in Südafrika besteht der Rasen in Lungiswa Gquntas raumfüllender Installation aus abgebrochenen Flaschen, die mit einem explosiven Gemisch aus Petroleum und grüner Farbe gefüllt sind. Die Künstlerin schafft damit ein eindrückliches Bild für Ausgrenzung und soziale Ungerechtigkeit – nicht nur in ihrem Heimatland. Ursprünglich entstand das Werk für die Istanbul-Biennale 2017 und wurde vor kurzem erneut im Berliner Gropius-Bau gezeigt. Lungiswa Gqunta ist die jüngste der drei Künstlerinnen und ist zurzeit Stipendiatin der Rijksakademie in Amsterdam.

Mirjam Varadinis