Bericht
Gruppe
Junge Kunst
Ankäufe 2025
Wir leben in einer Zeit, die von Konflikten geprägt ist und in der die Spaltung der Gesellschaft immer spürbarer wird. Fragen von Ausgrenzung, Krieg und Zugehörigkeit beschäftigen daher auch viele zeitgenössische Künstler:innen. Naeem Mohaiemen (*1969) beispielsweise möchte mit der im Berichtsjahr angekauften Arbeit «Rankin Street, 1953» (2013) der Geschichte von Vertreibung und Flucht eine Stimme geben. Ausgehend von seiner eigenen Familiengeschichte und einer Box voll historischer Fotografien seines Vaters, die der Künstler bei der Räumung seines Elternhauses 2010 in Dhaka fand, eröffnet Naeem Mohaiemen einen neuen Blick auf die Geschichte von Bangladesch. Die Fotos sind die letzten Zeugnisse aus der Zeit vor dem Unabhängigkeitskrieg. «After that, from 1954 to 1971, everything is gone. During the war, that was the first thing to disappear», so der Künstler. Den Familiensitz in der Rankin Street verlor die Familie ebenfalls in den politischen Wirren der 1970er-Jahre. Nur die Box mit den Fotos, die Naeem Mohaiemens Vater mit seiner ersten Fotokamera aufnahm, überlebte. Es sind stille Bilder, die hier zusammenkommen. Auf vielen sind Katzen zu sehen, auf anderen die Tanten und Nichten des Künstlers, aber auch Strassenbilder, Rikschas sowie Aufnahmen vom Meer. Aus diesen persönlichen Erinnerungen entwirft Naeem Mohaiemen so etwas wie ein «Meta-Archiv» (Natasha Ginwala), das Einblick gibt in den Alltag und das Leben jener Zeit und der Menschen, die in den offiziellen Chroniken keine Erwähnung finden.
Pippa Garner (1942 –2024)
(smart-ass), undatiert
Grafitstift auf Papier
Blattmass: 22,8 × 29 cm,
Bildmass: 22,8 × 29 cm
Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung,
Vereinigung Zürcher Kunstfreunde,
Gruppe Junge Kunst, Ankauf 2025
© 2026 Courtesy of the Estate of Pippa Garner
Foto: Kunsthaus Zürich
Den Alltag im Krieg hielt auch die Künstlerin Pippa Garner (1942 – 2024) fest. Die Anfänge ihrer künstlerischen Praxis gehen auf ihre Zeit als Combat Artist der US-Armee im Vietnamkrieg zurück. Als sie von diesem Programm erfuhr, das Soldat:innen und zivile Künstler:innen damit beauftragte, den Krieg in Form von Skizzen, Illustrationen und Malereien zu dokumentieren, handelte sich Pippa Garner einen Platz im CAT-Team aus. Diese Aufgabe hat sie vor direkten Kampfeinsätzen bewahrt, wenn auch nicht vor den langfristigen Folgen des Kriegs – im Jahr 2010 wurde bei Garner eine Krebserkrankung diagnostiziert, die durch den Kontakt mit dem chemischen Entlaubungsmittel Agent Orange verursacht worden war.
In ihrem Werk dekonstruiert Pippa Garner das zeitgenössische amerikanische Leben und die Mechanismen der Konsumwelt. Eines ihrer frühen Werke ist der «Kar-Mann (Half Human Half Car)» (1969), ein Kentaurus-ähnliches Objekt, bei dem sich der Unterkörper eines Menschen mit dem Vorderteil eines Autos verbindet. Ebenfalls berühmt ist der «Backwards Car» (1974), ein umgebautes Auto, das rückwärts durch die Strassen fährt. Dieses Umpolen des Autos übertrug Pippa Garner später auch auf ihren eigenen Körper. Denn für sie war der Körper eine Technologie, die sich nicht sehr von einem Auto unterschied. Warum sollte sie also ihre eigene Anatomie nicht auch umkehren? In den 1980er-Jahren begann sie mit dem «Gender-Hacking» und versorgte sich auf dem Schwarzmarkt mit Östrogenen. Es war ein jahrzehntelanger Prozess, der von Unsicherheit und dem Risiko geprägt war, die der damaligen Methode innewohnten. Erst später definierte Pippa Garner – ursprünglich als Philip Garner zur Welt gekommen – diesen Prozess als künstlerisches Projekt. Die Künstlerin verstarb 2024. Kurz vor ihrem Tod wurde ihr Werk von der Kunstwelt neu entdeckt und in wichtigen Ausstellungen gezeigt, u. a. in der Kunsthalle Zürich (2023). Die Gruppe Junge Kunst konnte eine Reihe von Zeichnungen erwerben, welche die für die Künstlerin zentrale Vorstellung von Umwandlung bzw. Verschmelzung von Körper und Technologie thematisieren.
Monia Ben Hamouda (*1991)
Burial of all meanings I, 2024
Stahl, Eisen, Motor, Kurkuma, Email
Raummass: variabel, siehe Einzelteile,
80 kg (leer), 85 –95 kg (gefüllt)
Kunsthaus Zürich, Vereinigung Zürcher Kunstfreunde, Gruppe Junge Kunst,
Ankauf 2025
© 2026 The Artist and ChertLüdde, Berlin,
Foto: Giulio Boem
Geprägt von einer Mischung der Kulturen ist das Werk von Monia Ben Hamouda (*1991). Die junge tunesisch-italienische Künstlerin schafft raumgreifende Installationen, in denen sie ihr islamisches und westliches kulturelles Erbe einfliessen lässt und beide Traditionen verbindet. Sie gewann letztes Jahr den MAXXI Bulgari Prize und wurde für wichtige internationale Ausstellungen wie z. B. die Taipei Biennale 2025 eingeladen. Die von der Gruppe Junge Kunst erworbene Installation «Burial of all meanings» (2024) entstand vor dem Hintergrund unserer heutigen, gewaltgeladenen Zeit. Die Künstlerin dazu: «I think a lot of my own and the work we are doing together spurs from the urgency of trying to heal ourselves and our practices from the continuously unfolding brutality we are witnessing daily.» Der Titel der angekauften Arbeit «Burial of all meanings» verweist auf die Unmöglichkeit, mit Worten auf diese Brutalität zu antworten.
Akosua Viktoria Adu-Sanyah (*1990)
no flowers IV (red glitch chromogenic iteration), 2022 – 2025
Fotografisches Objekt; 2 analoge Farbabzüge,
Aluminium, Acryllack in Schwarz, Schrauben, Holz
Objektmass: 225 × 145 × 2 cm
Kunsthaus Zürich, Fotosammlung,
Vereinigung Zürcher Kunstfreunde,
Gruppe Junge Kunst, Ankauf 2025
© 2026 Akosua Viktoria Adu-Sanyah /
Foto: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian
Von Gewalt erzählt auch die Arbeit von Akosua Viktoria Adu-Sanyah (*1990). Sie verwebt dabei Fragmente ihrer eigenen Geschichte mit übergeordneten Fragen von Rassismus, Verletzung und Ausbeutung. Ihr Vater stammte aus Ghana, ihre Mutter aus Deutschland. Die Serie «Delirium» (2022 – ), zu der die zwei im Berichtsjahr erworbenen Fotografien gehören, entstand in Auseinandersetzung mit dem Verlust ihres Vaters, der 2021 verstarb. Fünf Jahre zuvor hatte dieser während einer Operation in einem deutschen Spital sehr viel Blut verloren und keine Bluttransfusion erhalten. Als Folge der fahrlässigen Behandlung erlitt er irreversible Schäden und erblindete. «Es war das erste Mal, dass wir über Rassismus gesprochen haben», so die Künstlerin. Bis zu seinem Tod fotografierte Adu-Sanyah ihren Vater regelmässig. Eine Auswahl dieser Fotografien speiste sie in eine KI-Engine ein, die die Fotos verfremdete. Eigentlich erlaubte die KI-Engine keine Verwendung menschlicher Gesichter, doch das Porträt des afrikanischen Vaters wurde 2022 nicht als menschlich erkannt – eine harte Realität. Aus den so generierten digitalen Bildern erstellte Adu-Sanyah wieder handgefertigte analoge Dunkelkammerabzüge, die in ihrer Machart und blutroten Farbigkeit die Brutalität der Geschichte auf formaler Ebene reflektieren.
when you’re in pain, everything is tainted
(gesture I – rinse), 2022 – 2025
Fotografisches Objekt; 2 analoge Farbabzüge,
Aluminium, Acryllack in Schwarz, Schrauben, Holz
Objektmass: 225 × 145 × 2 cm
Kunsthaus Zürich, Fotosammlung,
Vereinigung Zürcher Kunstfreunde,
Gruppe Junge Kunst, Ankauf 2025
© 2026 Akosua Viktoria Adu-Sanyah /
Foto: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian
Ina Archer
Black Black Moonlight: A Minstrel Show, 2024
3-Kanal-Videoinstallation, Farbe und s/w, Ton; erworben als digitale Datei
Dauer: 17' 30''
Kunsthaus Zürich, Medienkunstsammlung, Vereinigung Zürcher Kunstfreunde,
Gruppe Junge Kunst,
Ankauf 2025
© 2026 Courtesy of the artist and Microscope Gallery, New York
Mit ihrer Videoinstallation «Black Black Moonlight: A Minstrel Show» (2024) eröffnet Ina Archer einen kritischen Blick auf die rassistische Darstellung afroamerikanischer Menschen in den Medien. Sie greift auf Archivmaterial aus den Anfängen des Films, aus Fernsehsendungen, sozialen Medien und anderen Quellen zurück und kombiniert diese zu einer dreikanaligen Installation, die in ihrer Anordnung an frühe Minstrel-Shows erinnert. Im 19. und Anfang 20. Jahrhundert waren Minstrel-Shows eine populäre Form der Unterhaltungsmusik in den USA, in der weisse Musiker mit schwarz gefärbten Blackface-Gesichtern das vermeintliche Leben der Afroamerikaner:innen karikierten. Ina Archers gesammeltes Filmmaterial reicht zeitlich von Thomas Edisons Ministrels aus dem Jahr 1913 bis hin zu heutigen Videos in Social-Media-Beiträgen, in denen Gesichtsmasken aus Kohle vorgeführt werden. Weiteres Filmmaterial stammt aus der historischen Fernsehdebatte von 1965 in der Cambridge Union Society in Grossbritannien zum Thema «Der amerikanische Traum geht auf Kosten der amerikanischen Schwarzen» zwischen James Baldwin und William F. Buckley.
Wilhelm Sasnal (*1972)
Portrait of a woman (from the book «In the Warsaw Ghetto: summer 1941»)
Photographs by Willy Georg with passages from Warsaw Ghetto diaries compiled and with afterword by Raphael F. Scharf,
New York: Aperture, 1993). From the Series «Departed Persons», 2023
Pinsel in Schwarz über Grafitstift auf Papier
Blattmass: 83,8 × 59,3 cm,
Bildmass: 83,8 × 59,3 cm
Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung,
Vereinigung Zürcher Kunstfreunde,
Gruppe Junge Kunst,
Ankauf 2025
© Wilhelm Sasnal, 2026
Foto: Paweł Gardynik
Die komplexe Frage schliesslich, wer Täter, Opfer, Kollaborateur oder Mitläufer ist, untersucht Wilhelm Sasnal (*1972) in seiner Zeichnungsserie «Departed Persons». Es sind Porträts von ganz unterschiedlichen Menschen, die hier zusammenkommen. Die Vorlagen für die Bilder fand Sasnal im Internet. Mit dabei sind u .a. Kurt Waldheim, Edgar Degas, aber auch Porträts von anonymen jüdischen Frauen aus dem Warschauer Ghetto oder das eines afrikanischen Jungen aus dem 1930 gedrehten Hollywoodfilm «Africa Speaks!», in dem die Dargestellten keine Stimme haben, sondern einzig die Erklärungen des Kameramannes Paul L. Hoefler zu hören sind. Eine weitere Zeichnung zeigt den katholischen Priester Stanisław Trzeciak (1873 – 1944), der durch seine zahlreichen Vorträge und Veröffentlichungen zu den wichtigsten Verfechtern des Antisemitismus im Polen der Vorkriegszeit gehörte und während des Kriegs für die Propagandaabteilung der Gestapo im besetzten Warschau tätig war. Mit dem Ankauf von drei Zeichnungen aus dieser Serie ergänzt die Gruppe Junge Kunst die Malereien Wilhelm Sasnals in der Kunsthaus-Sammlung um einen bisher nur wenig bekannten Aspekt von Sasnals künstlerischem Schaffen.
Mirjam Varadinis
Curator-at-large
Kunsthaus Zürich
Vorsitzende Gruppe Junge Kunst