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Bericht 2022 Gruppe
Junge Kunst

Wechsel und bedeutende Ankäufe aus dem Bereich der Medienkunst ...

Im Berichtsjahr gab es personellen Wechsel in der Gruppe Junge Kunst. Nachdem alle bisherigen Mitglieder die maximale Amtsdauer von neun Jahren erreicht hatten, wurde das Gremium neu besetzt. Diese Neukonstituierung bot die Möglichkeit, das Profil der Gruppe nochmals zu schärfen und internationaler auszurichten. Als neue Mitglieder mit dabei sind: Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter documenta 14 und ehemaliger Direktor der Kunsthalle Basel; Haro Cumbusyan, Sammler von Medienkunst, der zwischen Istanbul und Zürich pendelt; sowie Linda Jensen, Gründerin des Non-Profit-Space «Last Tango» in Zürich. Wir freuen uns sehr, dass wir diese ausgewiesenen Fachleute und Kenner/innen der zeitgenössischen Kunst für die Mitarbeit in diesem wichtigen Gremium gewinnen konnten, und danken an dieser Stelle auch den bisherigen Mitgliedern Adrian Ciurea, Daria Knoch und Hans Rudolf Reust für ihr grosses Engagement über all die Jahre.

Die neubesetzte Gruppe hat im vergangenen Jahr wichtige Werke im Bereich der Medienkunst erworben – so beispielsweise von Hiwa K (*1975) die Videoarbeit «Pre-Image (Porto)» (2014). Der irakisch-kurdische Künstler kam vor Jahren zu Fuss nach Europa, u. a. durch den Iran, die Türkei, Griechenland und Italien, um eine Zuflucht in Deutschland zu finden. Er beschreibt diese Erfahrung wie folgt: «Diese lange und oft gefährliche Reise war eine Erfahrung von Raum und Zeit, durch die ich mich auf das Unbekannte einstellte.» Auf dem Weg durch Europa inszenierte er in verschiedenen Städten, u. a. in Porto, die Performance «Pre-Image», die im Video festgehalten ist.

Hiwa K balanciert dabei auf seiner Stirn eine Stange, an der Motorradspiegel montiert sind. Das DIY Navigationsinstrument reflektiert die Umgebung, in der er unterwegs ist. Der vertikale Blick, mit dem er sich horizontal vorwärtsbwegt, ist jedoch fragmentiert und verzerrt. Dies entspricht der persönlichen Erfahrung des Künstlers, der auf seinem Weg durch Europa Orte und Städte jeweils nur partiell kennenlernt. Gleichzeitig ist es ein eindrückliches Bild für die Fragilität und Instabilität eines migrantischen Menschen.

Der Titel «Pre-Image» verweist auf den Unterschied zwischen der Vorstellung, die wir von Orten haben, die wir erreichen wollen, ihren Möglichkeiten und der tatsächlichen Realität; den Kontrast zwischen vertikal imaginierten Orten und der horizontalen Realität, in der wir Orte auf dem Boden erleben.

Ein Dialog in der Diagonale bestimmt auch die Videoinstallation «Smashing Monuments» (2022) von Sebastián Díaz Morales (*1975). Das Werk war auf der letztjährigen documenta 15 in Kassel ausgestellt und zeigt fünf Mitglieder des indonesischen Kuratorenkollektivs Ruangrupa im Gepräch mit Monumenten in Jakarta. Die riesigen Statuen waren im Laufe der Zeit im Stadtraum aufgestellt worden, um bestimmter historischer Ereignisse oder Personen zu gedenken – wie z. B. der indonesischen Flieger, die gegen die holländischen Kolonialherren gekämpft hatten. Ruangrupa nähert sich den Denkmälern aber auf ganz persönliche Weise und verwickelt die Statuen in ein intimes Gespräch über Themen wie «Freundschaft», «Grosszügigkeit» u. a. Mit diesen individuellen Erzählungen über- lagern sie die durch die Denkmäler repräsentierte offizielle Geschichte bzw. «zerschlagen» diese in einer poetischen Geste voller Menschlichkeit.

Marlene McCarty (*1957) stellt ebenfalls eine urmenschliche Geschichte dar. Es sind zeitgenössische Themen und Dramen, die die Künstlerin in ihrem Werk thematisiert. Die Protagonistinnen sind sehr oft Frauen, die sich gegen soziale oder sexuelle Ungleichheit auflehnen. Mitte der 1990er-Jahre begann die Künstlerin die «Murder Girls»-Serie, in der sie weibliche Killer porträtiert. Eines dieser «Murder Girls» ist Marlene Olive, die auch in dem von der Gruppe Junge Kunst erworbenen Werk dargestellt ist. Sie war eine amerikanische Teenagerin, die in einem Akt der tragischen Rebellion ihre Mutter Naomi erschlug und Komplizin wurde bei der Tötung ihres geliebten Vaters. Nicht unähnlich einer griechischen Tragödie beschreibt dieser Fall für McCarty den verzweifelten Versuch eines Befreiungsschlags einer Generation von Frauen, die sich emanzipiert und gleichzeitig scheitert. Die Künstlerin mit dem gleichen Vornamen wie die dargestellte Protagonistin gehört zwar rein anagrafisch nicht mehr zur Kategorie der «jungen» Kunst, aber ihr Werk erhielt erst in den letzten Jahren die verdiente Aufmerksamkeit. Inzwischen befinden sich Zeichnungen von ihr in wichtigen Sammlungen, wie z. B. dem Museum of Modern Art, New York. Wir freuen uns, dass wir mit «Marlene, Naomi, June 20, 1975 (Marlene Olive, 353 Hibiscus Way, Marin County, California, June 21,1975)» aus dem Jahr 2003 eine substanzielle Arbeit von ihr erwerben konnten.

Von Banu Cennnetoğlu (*1970) schliesslich haben wir das Werk «29.06.2012» angekauft. Es handelt sich dabei um eine Sammlung aller gedruckten Zeitungen, die an dem im Titel genannten Datum in Zypern erschienen sind bzw. die von der Künstlerin an dem Tag gesammelt werden konnten. Die Künstlerin beschäftigt sich in ihrer Arbeit immer wieder mit Fragen des Archivs und dem Stellenwert von Fotografie und Bild in den Medien. Auch das Format des Gedruckten sowie das (Künstler-)Buch spielen in Cennnetoğlus Werk eine zentrale Rolle. Mit «29.06.2012» denkt die Künstlerin über Entstehung, Verbreitung und Archivierung privater und öffentlicher Informationen nach und thematisiert gleichzeitig die zugrundeliegenden politischen und sozialen Mechanismen, die den Zugang zu Information steuern.

Mirjam Varadinis
Kunsthaus Zürich