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Bericht 2020 Gruppe
Junge Kunst

Wir leben in einer Zeit der Bilder und Nachrichtenflut...

Nora Turato (1991) beschäftigt sich über ihr Smartphone täglich mit dieser online zirkulierenden Texthysterie. Sie greift punktuell Inhalte aus ganz unterschiedlichen Gebieten wie Werbung, Politik, Social Media oder auch Film und Literatur heraus und collagiert die Fragmente zu eindrücklichen Spoken-Word-Performances, Videos oder Textarbeiten zusammen. Sie kombiniert unerschrocken sogenannte «Wackaging»-Zitate (also Textelemente, die auf Lebensmittelpackungen angebracht werden, um die Konsument/ innen direkt anzusprechen) mit wissenschaftlichen Studien oder politischen Kommentaren, und schafft somit ein verbales Bild unserer Gegenwart. Das geht nicht ohne Ironie, wie die Künstlerin erklärt, wenn Zen-Aphorismen im Kapitalismus gleich behandelt werden wie die Joghurt bewerbenden Kardashians.

Turato lädt uns ein, über unser Konsum und Medienverhalten nachzudenken sowie Rollenbilder und die Darstellung der Frau kritisch zu hinterfragen. Das Thema «Hysterie» spielt bei ihr eine zentrale Rolle, sowohl inhaltlich wie auch formal, was sich in der oft bewusst überdrehten Inszenierung ihrer Performances zeigt.

Nora Turato gehört zu den Shootingstars der internationalen Kunstszene und darf trotz ihres noch jungen Alters bereits auf eine eindrückliche Karriere zurückblicken. Wir freuen uns daher sehr, dass wir eine wichtige Videoarbeit sowie ein Text-Diptychon dieser viel versprechenden Künstlerin erwerben konnten.

Nora Turato
Someone ought to tell you what it’s really all about, 2019

« ... sein Markenzeichen ist, industrielle Methoden und Materialien «falsch» zu benutzen.»

Während sich Nora Turatos Arbeit aus der digitalen Welt speist, schafft der Schweizer Künstler Raphael Hefti (*1978) Werke, die sich gegen eine Verwertung über Social Media und Internet gerade sperren. Ihm ist es ein Anliegen, eine Art von Staunen und Unbehagen hervorzurufen, wie es ein Bildschirm nicht kann. Seine Arbeiten muss man erleben, und zwar physisch im Raum. Nach einer Berufslehre zum Elektromechaniker hat Hefti angefangen, Fotografie zu studieren und sich als Künstler neu zu definieren. Sein Markenzeichen ist, industrielle Methoden und Materialien «falsch» zu benutzen. Der Künstler testet dabei die Grenzen von Material und Technik und geht gerne einen Schritt darüber hinaus. Diese Experimente entstehen oft in Zusammenarbeit mit Handwerkern oder Fachleuten aus dem industriellen Bereich – wie z. B. 2018 das riesige abstrakte Gemälde auf einem grossen Platz in Zürich Nord, das Hefti mit Hilfe einer manipulierten Strassenmarkierungs-Maschine sowie einer Reihe von Strassenarbeitern realisierte.

Raphael Hefti (*1978)
Message Not Sent, 2020

«Das Werk von Raphael Hefti ist wie ein Prisma, das uns die Welt und die in ihr vorhandenen Elemente neu wahrnehmen und darüber staunen lässt...»

Auch die von der Gruppe Junge Kunst nun erworbene Arbeit «Message Not Sent» (2020), die bis Anfang 2021 in Heftis bisher grösster Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel zu sehen war, entstand in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der Industrie. Mit ihnen hat Hefti übergrosse Reagenzgläser produziert, die mit unterschiedlichen Edelgasen gefüllt sind und von der Decke hängen. Es handelt sich um Helium, Neon, Argon, Krypton, und Xenon, die alle frei in unserer Atmosphäre zirkulieren. Allerdings sind sie in der Natur unsichtbar. Hefti sperrt sie in die Glasröhren ein, setzt sie unter Strom und lässt sie so in verschiedenen Farben glühen. Es ist ein faszinierendes Spiel, das sich da bietet: In der einen Röhre flackert ein starkes Rot, in der anderen leuchtet das Gas blitzartig auf und in der nächsten verändert sich die Farbe von Gelb zu Türkis. Der jeweilige Ton hängt mit der Mischung zusammen, unterliegt aber auch spontanen Zufällen. Das Werk von Raphael Hefti ist wie ein Prisma, das uns die Welt und die in ihr vorhandenen Elemente neu wahrnehmen und darüber staunen lässt.

Mirjam Varadinis